„An morgen denken“ – Dr. Michael Fraas

Fragen an Mitglieder und Freunde der Initiative Zeit für Ethik – Herr Dr. Michael Fraas, Wirtschaftsreferent der Stadt Nürnberg und seit 2013 engagiert als weiterer Schirmherr von Zeit für Ethik

1. Was ist Ihnen als Führungskraft, als Leiter des Wirtschaftsreferates der Stadt Nürnberg ein wichtiges ethisches Anliegen? Welche Werte wollen Sie leben? Wie gelingt es Ihnen, dies im eigenen Verantwortungsbereich zu verwirklichen?

Als Führungskraft habe ich natürlich gewisse Handlungs- und Entscheidungsspiel-räume. Intern bemühe ich mich um gute Arbeitsbedingungen für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Nur in einer lebenswerten Arbeitswelt können die vorhandenen Potenziale genutzt und die notwendige Motivation geschaffen werden.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, eine offene und ehrliche Kommunikation sowie eigenverantwortliches Handeln sind nur ein paar Beispiele, die mir am Herzen liegen. Ich sage dabei ehrlich: Es ist im Alltag eine Herausforderung, die hohen Ziele umzusetzen und zu leben. Extern unterstütze ich beispielsweise Organisationen und Projekte, die sich ihrer gesellschaftlichen und moralischen Verantwortung stellen oder diese Anliegen in die Öffentlichkeit tragen; dies ist auch der Grund, warum ich mich sehr gerne als Schirmherr für die Initiative „Zeit für Ethik“ bereiterklärt habe.
2. Wie sehen Sie das Verhältnis von Ethik und (ökonomischem) Erfolg?
Wirtschaft darf nie losgelöst von Werten, Überzeugungen, Moral und Ethik betrachtet werden. Wirtschaftliches Handeln ist grundsätzlich in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Wirtschaftliches Handeln geschieht in der Gesellschaft und hat Wirkungen in der Gesellschaft. Die Akteure haben individuelle Überzeugungen und Moralvorstellungen, sie folgen eigenen ethischen Regeln. Nur wenn es gelingt, dem jeweiligen Geschäftspartner gegenüber diese Ansichten als stabil und verlässlich zu kommunizieren und diese Verlässlichkeit im Miteinander immer wieder unter Beweis zu stellen, entstehen das Vertrauen und die Sicherheit, die für eine erfolgreiche, langfristige und nachhaltige Beziehung nötig sind. Dabei ist es egal, ob ich von der Beziehung zwischen Unternehmerpersönlichkeiten spreche oder von der Beziehung eines Arbeitgebers zu den Arbeitnehmern. Ich bin der Überzeugung, dass diese Überlegungen überall dort gelten, wo Menschen interagieren und dabei auch „an morgen denken“. Daher ist für mich gelebte Ethik auch unabdingbare Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg.
Oftmals ist mit dem Begriffspaar Ethik – Erfolg eine gewisse Spannung verbunden, ein Gegensatz, der nicht immer zufriedenstellend aufgelöst werden kann. Dies ist aber meiner Meinung nach in vielen Fällen darauf zurückzuführen, dass beide Begriffe jeweils völlig überspitzt verwendet werden: Ethik als Theorie von Leuten, die wirklichkeitsfern von paradiesischen Zuständen träumen, und Wirtschaft als die harte, ungeschminkte Realität, in dem Unternehmenslenker und Politiker nur auf Profit und ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Die Wahrheit befindet sich aber – wie so oft – nicht an den Extrempositionen, sondern in der Mitte. Nur durch die Berücksichtigung beider Aspekte, die intensive Auseinandersetzung mit den dadurch entstehenden Herausforderungen und dann das entsprechende Agieren, wobei Entscheidungen bewusst getroffen und die jeweiligen Konsequenzen abgewogen werden, führt letztendlich dazu, dass Unternehmen langfristig am Markt bestehen können und auch als angesehene Geschäftspartner wahrgenommen werden.

3. Ein schönes Beispiel von gelebten Werten in Ihrem Wirkungsbereich?
Ich ermutige meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu eigenverantwortlichem Handeln. Beispielsweise wenn es eine Aufgabe zu lösen gilt, dann wünsche ich, dass mir mehrere Optionen vorgelegt werden. Der Mitarbeiter bzw. die Mitarbeiterin soll dann nicht nur die Pros und Contras der jeweiligen Option herausarbeiten, sondern auch einen Vorschlag für die eine oder andere Option aus fachlicher Sicht machen. Ob ich diesem Vorschlag folge oder aufgrund meiner politischen Bewertung eine andere Option auswähle, ist am Ende meine eigene Entscheidung. Aber diese fällt mir umso leichter, wenn zunächst ein Vorschlag im Raum steht, den ich durchdenken kann. Der Mitarbeiter bzw. die Mitarbeiterin ist auf diese Weise kein Untergebener, sondern ein „sparring partner“.

4. Wer oder was hat Sie in ethischer Hinsicht geprägt?
Meine Familie.

5. Ein ethisches Dilemma, in dem Sie sich befanden oder befinden? Was hat Ihnen geholfen, was hilft Ihnen, Spannungen zwischen Ihren Werten und der tatsächlichen Unternehmenswirklichkeit zu gestalten?
Es gibt immer wieder turbulente, arbeitsreiche Phasen. In denen ist es schwierig, meine Werte so zu leben, wie ich es mir wünsche. Mir gelingt es aber kurze Auszeiten zu nehmen. Diese Momente, in denen ich bewusst den Stress und Druck ausblende, nutze ich zur Reflexion. Ich versuche dann, einen anderen Blickwinkel auf die Situationen zu bekommen.

6. Was schätzen Sie an „Zeit für Ethik“? Warum sind Sie dabei? Was könnten wir in unserer Arbeit anders, was mehr machen?
„Zeit für Ethik“ bildet eine ausgezeichnete Plattform, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, neue Projektideen zu generieren und – ganz allgemein – unsere Idee in die Öffentlichkeit zu tragen. Man kann Menschen zu ethischem Handeln nur dann bewegen, wenn man selbst mit gutem Vorbild vorangeht. Abgesehen davon handelt es sich bei der Initiative sozusagen um ein Nürnberger Eigengewächs, welches 2007 vom damaligen Amt für Wirtschaft (jetzt: Wirtschaftsförderung Nürnberg) in Kooperation mit Unternehmerinnen, Unternehmern und Persönlichkeiten aus der Metropolregion Nürnberg gegründet wurde. Die verschiedenen Ansatzpunkte von „Zeit für Ethik“ offerieren interessierten Unternehmen einen bunten Strauß an Möglichkeiten, Ethik in den Alltag zu integrieren, sich damit auseinanderzusetzen und neue Wege zu gehen. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dieses Angebot weiterzuentwickeln und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

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