Wirtschaftsstandort Nürnberg: Zukunft durch Lernfähigkeit?

Rückblick auf den ersten Ethiksalon im Nürnberger Rathaus
mit Dr. Michael Fraas, Wirtschaftsreferent der Stadt Nürnberg
und Gerd Lobodda, ehem. 1. Bevollmächtigter der IG Metall

Unter der vielschichtigen Frage „Wirtschaftsstandort Nürnberg – quo vadis?“ fand am 1. April 2014 der erste Ethiksalon der Initiative Zeit für Ethik statt. Vor einem großen und diskussionsfreudigen Fachpublikum aus der Nürnberger Metropolregion eröffnete Dr. Michael Fraas als „Gastgeber“ und Schirmherr von Zeit für Ethik den Abend im schönen Saal des Nürnberger Rathauses. Als weiterer Dialogpartner nahm Gerd Lobodda, der ehemalige 1. Bevollmächtigte der IG Metall teil. Zur Annäherung an das Thema reflektierten die Diskutanten die aus ihrer Sicht prägenden Erfahrungen des Wirtschaftsstandorts Nürnberg in den letzten 30 Jahren: Die Schließung von großen Unternehmen wie AEG, Grundig und Quelle, die fehlende Kommunikation zwischen Unternehmen und Politik, die Konzentration auf vorhandene Kernkompetenzen, aus der schließlich so vielversprechende Projekte wie der Energie-Campus entstanden sind, genauso aber auch – wie im aktuellen Wahlkampf – die zugunsten eines schnellen Medienerfolgs abgewürgte Diskussion zum Ausbau des Güterverkehrszentrums am Nürnberger Hafen. Trotz der widrigen Umstände hat es auch immer – so die feste Überzeugung der Diskutanten – verantwortlich handelnde Akteure in der Region gegeben. Lobodda verweist hier beispielhaft auf die vorausschauende, „lautlose“ Konversionsstrategie von Diehl in den 1990er Jahren.

Mit diesen „Errungenschaften“ zeigen sich auch die Chancen: Nürnberg ist nach wie vor ein industrieller Standort, hat anerkannte, hochkompetente Persönlichkeiten in verschiedensten Feldern und verfügt mit seiner mittelständisch geprägten Unternehmenslandschaft über hervorragende Potenziale. Fraas sieht in der Zukunft vor allem den Bedarf, Geld in die Forschung zu stecken und gezielt Projekte zu initiieren, mit denen insbesondere Themen wie Energieeffizienz in Verbindung mit IT-Technologien besetzt werden. Mit dem Blick auf die industrielle Kompetenz Nürnbergs greift Lobodda auch das Thema „Industrie 4.0“ auf – das sei „eine Riesenchance für Nürnberg“, sich als Industriestandort weiterzuentwickeln.

Angesichts dieser Stärken: Weshalb ist es denn dann so schwierig, sich als leistungsfähige Region darzustellen? Ein Widerstand ist die nach wie vor zu beobachtende „Kirchturmpolitik“. Auch auf der Ebene der Metropolregion Nürnberg gibt es Beispiele, wo man sich zwar auf Polyzentralität zurückziehen kann, jedoch keinen gemeinsamen Nenner für sinnvolle und auf Nachhaltigkeit angelegte Projekte findet. Hier gibt es nach Fraas „noch Einiges zu tun“.

Und inwieweit ist Ethik als Faktor für den Wirtschaftsstandort Nürnberg relevant? Fraas betont die Bedeutung ethischen Handelns in Unternehmen, aber sie sollte nicht zum „Label“ missbraucht werden. In Nürnberg gibt es viele gute Beispiele, die zeigen, dass Ethik in Unternehmen gelebt werden kann. Mit der Initiative Zeit für Ethik gibt es ein gutes Netzwerk, um diese Praxis zu thematisieren. Beobachtbar ist nach Lobodda aber auch, dass vorgenommene Einschnitte in der Arbeitsförderung gerade das Gegenteil bewirken, was sich in der anhaltend hohen Sockelarbeitslosigkeit in Nürnberg, aber auch in einer nach wie vor vorhandenen Jugendarbeitslosigkeit widerspiegelt.

In der sich anschließenden Diskussionsrunde werden die von den Dialogpartnern eingenommenen Positionen abgewogen und vertieft. Die provokante Frage, „ob der ethische Unternehmer der dumme Unternehmer“ sei, wird nicht nur verneint, sondern kann angesichts der Entwicklung Nürnbergs auch mit gutem Gewissen als überholt eingeordnet werden.

Und hier eine Pressemeldung: Artikel der Nürnberger Nachrichten vom 04. April 2014

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