Werte, Beratung, Bankgeschäft – Wilhelm Keller zu seinem Engagement bei Zeit für Ethik

Fragen an Mitglieder und Freunde der Initiative Zeit für Ethik – Wilhelm Keller, Niederlassungsleiter der quirin bank Nürnberg

  • Was ist Ihnen ein wichtiges ethisches Anliegen? Welche Werte wollen Sie leben?
    Als Führungskraft und als Unternehmer vor Ort ist es mir wichtig, das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns zu leben. Das heißt für mich, das Vertrauen der Kunden und der Mitarbeiter zu haben, integer zu arbeiten, und Geschäftsabschlüsse auf faire und anständige Weise  machen zu können. Meine Kunden sollen ehrlich über ein Finanzprodukt, eine Marktentwicklung und über die Kosten einer Beratung aufgeklärt werden. Ich möchte auch in zehn Jahren meinem Kunden in die Augen sehen können. Das ist mir sehr wichtig, ich will nicht die Straßenseite wechseln müssen, wenn ich einen Bekannten sehe.
  • Wie sehen Sie das Verhältnis von Ethik und ökonomischem Erfolg?
    Ich stamme aus einem Familienunternehmen. Ein Hotel, das in der vierten Generation geführt wird, 130 Jahre alt. Ich halte Ethik für sehr wichtig wegen der Nachhaltigkeit. Nur so kann man über einen wirklich langen Zeitraum ein Unternehmen erfolgreich führen. Erfolgreiches Handeln heißt dabei für mich nicht nur Rendite für das Unternehmen erwirtschaften,  sondern im Sinne aller Stakeholder zu handeln, also der Kunden, der Mitarbeiter und nicht zuletzt der Gesellschaft .
    Was mich sehr motiviert, ist  die Honorarberatung als neues Banksystem hier vor Ort in Nürnberg zu etablieren. Ich halte die Honorarberatung, wie sie die quirin bank verfolgt, für die richtige Antwort auf das, was in der Finanzdienstleistungsbranche in den letzten Jahren zu Exzessen geführt hat. Diese waren oft gegen die Interessen des einzelnen Anlegers gerichtet.
  • Wo würden Sie sagen: Da leben wir die Werte, von denen wir reden?
    Die quirin bank hat mit dem Geschäftsmodell der Honorarberatung ein neues Banksystem geschaffen, das den Interessenkonflikt der herkömmlichen Bankberatung auflöst. Wir vereinnahmen keinerlei in den Produkten enthaltenen Provisionen, sondern kehren diese an den Kunden aus. Dadurch können wir tatsächlich ganz auf der Seite des Kunden stehen und diesen fair und unabhängig gegen ein festes Honorar beraten. Insofern leben wir die Werte der Unabhängigkeit, Transparenz und Partnerschaftlichkeit durch die Art, wie wir unser Geschäft betreiben.Ein konkretes Beispiel dazu: wir hatten vor einigen Jahren einmal einen sehr guten eigenen Fonds kreiert. Wir haben dieses Produkt konzipiert und empfohlen. Wir wollten aber keine Produktverkäufer sein und haben dieses Produkt daher konsequenter Weise an die Deutsche Bank abgegeben. Unsere Integrität als Honorarberaterbank , die keine eigenen Produkte vertreibt, war für uns dabei der entscheidende Punkt und entsprechend haben wir auch gehandelt. Diese Haltung manifestiert sich auch in den Steuerungssystemen der Bank. So haben wir keinerlei Absatzziele. Hauseigene Zertifikate und Anleihen gibt es nicht. Nur auf Kundennachfrage werden Produkte anderer Anbieter vermittelt. Entsprechend gibt es keinen Verkaufsdruck.. Unsere Steuerungssysteme richten sich an den Kundenzahlen und den Volumina der verwalteten Vermögenswerte- aus. Und unsere Vergütungssysteme basieren auf einem Fixgehalt – plus einem kleinen Prozentsatz, der aus den Honorareinnahmen  kommt. Damit ist sichergestellt, dass wir die Werte, die wir uns gegeben haben, auch tatsächlich leben.
  • Wer oder was hat Sie in ethischer Hinsicht geprägt?
    Zunächst einmal mein Elternhaus. Dann gehöre ich einer katholischen  Studentenverbindung an, welche die Werte der katholischen Kirche teilt. Auch prägten mich zwei Menschen, die mich in meinem Berufsleben begleitet haben. Sie haben stets den fairen und partnerschaftlichen Umgang mit dem Kunden in den Mittelpunkt gestellt. Das hat mich sehr beeindruckt und meinen weiteren Berufsweg mitbestimmt.
  • Ein ethisches Dilemma , in dem Sie sich befanden. Was hat Ihnen geholfen, die Spannungen zwischen Ihren Werten und der Unternehmenswirklichkeit zu ertragen oder zu gestalten?
    Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber gab es einen wachsenden Verkaufsdruck .Sehr viele Mitarbeiter mussten durch Motivation oder Druck dazu bewegt werden, ihren Kunden komplexe Produkte zu verkaufen. Ich habe dieses Dilemma dem Vorstand gegenüber thematisiert – ohne allzu große Wirkung. Dennoch habe ich versucht, das Geschäft so zu machen, dass es noch eine gewisse Sinnhaftigkeit hatte. Meine persönliche Entscheidung hat dann schließlich dazu geführt, einen Aufhebungsvertrag zu schließen.
    Mit einer solchen Haltung wird man manchmal sehr einsam. Ich war sehr viel unterwegs. Meiner Frau habe ich gelegentlich mein Herz ausgeschüttet Und weil man oft  ausschließlich für das Geschäft lebt, bewegt man sich wie in einer anderen Welt, wie unter einer Glocke. Man hat keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Schließlich gibt es da noch das Thema des vorauseilenden Gehorsams. Da ließ beispielsweise ein Kollege seine beiden hochrangigen Vertriebsmanager jeden Freitag und Montag die Niederlassungsleiter seines Bereichs anrufen, um Druck aufzubauen. Auf die Frage nach der Urlaubsvertretung für die beiden Vertriebsmanager, antwortete er abweisend: „Gibt es keine, ich mache es nicht“. Dann kam der Vorstand, unser Vorgesetzter, und stellte diesem Kollegen die gleiche Frage. Der Kollege sagte sofort:“ Ich mache es, selbstverständlich“. Also genau das Gegenteil. So ist diese Konzernwelt. Wahrhaftigkeit im persönlichen Umgang gibt es nicht mehr.
  • Was schätzen Sie an Zeit für Ethik? Warum sind Sie dabei? Was könnten wir möglicherweise anders, was mehr machen?
    Aus meiner Sicht ist Zeit für Ethik ein sehr gutes Netzwerk. Zeit für Ethik bietet eine hervorragende Gelegenheit, in einem vertrauensvollen Rahmen mit anderen Menschen zu diskutieren und dabei auch Unsicherheiten oder Zweifel benennen zu können. Mit Gleichgesinnten, die in ähnlichen Situationen sind, über diese Themen zu diskutieren und deren Lösungsansätze zu erfahren, ist sehr hilfreich.
    Auch halte ich den Mix für sehr gut: Die ErfA-Runden quasi als geschützter Raum für solche Gespräche, genauso wie das öffentlichkeitswirksame  WirtschaftsEthikForum, bei dem unternehmensethische Tendenzen und Ideen aus der Region diskutiert werden. Deswegen bin ich persönlich begeistert dabei.
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