Warum Zeit für Ethik ? – Susanne Gebauer

Fragen an Mitglieder und Freunde der Initiative Zeit für Ethik – Susanne Gebauer, Geschäftsführerin Berufsförderungswerk Nürnberg gemeinnützige GmbH

  • Was ist Ihnen als Führungskraft, als Unternehmerin ein wichtiges ethisches Anliegen? Welche Werte wollen Sie leben? Wie gelingt es Ihnen, dies im eigenen Verantwortungsbereich zu verwirklichen?
  • „Man“ könnte sich an meiner Stelle, als Geschäftsführerin eines Berufsförderungswerks, die Sache jetzt einfach machen: Mir geht es darum, behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen bei ihrer Rückkehr ins Arbeitsleben zu unterstützen. Die humanen Aspekte liegen förmlich auf der Hand ‑ Umgehung von behinderungsbedingten Diskriminierungen, Vorbeugung von Armut und sozialer Ausgrenzung, Ausbildung von Fachkräften als Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität, … . Auch wenn das an sich bereits wertvolle Anliegen sein mögen, beschreiben sie schlussendlich doch den Geschäftszweck meines Unternehmens – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

    Daher stelle ich die Frage lieber andersherum: Auf was achte ich in meinem Arbeitsalltag und woran orientiere ich mich – vor allem dann, wenn ich unsicher bin? Mein Hauptaugenmerk zur Führung des Unternehmens liegt zuerst auf den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Dabei versuche ich, die Vorgeschichte, Sichtweise und Bedürfnisse des Gegenübers nicht nur zu kennen, sondern auch zu achten und bei Entscheidungen einzubeziehen. Zugleich ist mein Blick auf die Zukunft gerichtet, immer unter dem Aspekt der Konsequenzen für alle Beteiligten. Übersetzt in einen ethisch kompatiblen Wertmaßstab treibt mich vornehmlich die Verantwortung um – sowohl für die Menschen, für die ich aufgrund meiner Führungsposition zuständig bin, als auch für den Bestand und die Weiterentwicklung des Unternehmens. Zum Gelingen ist für mich unverzichtbar, dass ich im Gespräch mit den beteiligten Akteuren bleibe und ihre Interessen bei meinen Entscheidungen „mitdenken“ kann.

     

  • Wie sehen Sie das Verhältnis von Ethik und (ökonomischem) Erfolg?
  • Auch hier will ich zunächst darstellen, welche Vorstellungen ich mit Erfolg verbinde. Formell gibt es in dem Zusammenhang für mein Unternehmen zwei Messlatten: die Wirksamkeit und die Wirtschaftlichkeit. Die Wirksamkeit beziffert, wie effektiv das Berufsförderungswerk Nürnberg zum Beispiel gemessen an den Integrationsquoten dazu beiträgt, dass behinderte Menschen, die an einer unserer Maßnahme teilnehmen, ihren Wiedereinstieg ins Arbeitsleben schaffen. Gleichermaßen muss sich das Unternehmen trotz schwankender Belegung, stagnierender Vergütungsstrukturen und wechselnder Qualitätsanforderungen wirtschaftlich selbst tragen. Das sind für mich natürlich wesentliche Kennzahlen, deren Größenordnung die Akzeptanz und den Fortbestand des Unternehmens bestimmen. Allerdings bin ich mir darüber im Klaren, dass das bildlich gesprochen nur die Vorderseite der Medaille ist. Den tatsächlichen Schnittpunkt von Erfolg und Ethik sehe ich eher im Innenleben des Unternehmens, was aus Sicht der Beteiligten als sinnvoll empfunden wird und später auch von den Nachfolgern als Zugewinn oder Fortschritt eingestuft wird, an dem sie wiederum ansetzen können. 
  • Ein schönes Beispiel von gelebten Werten in Ihrem Unternehmen?
  • Nicht ein Beispiel, sondern eine fast tägliche Erfahrung sind für mich die Rückmeldungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im persönlichen Gespräch. Egal ob es Ausdruck von Zustimmung, Frustration, Freude, Skepsis, Stolz, Zufriedenheit oder Unsicherheit ist: Die Menschen im Berufsförderungswerk Nürnberg identifizieren sich mit ihrer Tätigkeit und signalisieren ihr Vertrauen in die Führung.
  • Wer oder was hat Sie in ethischer Hinsicht geprägt?
  • In erster Linie verschiedene Menschen – ihre Geschichten und Lebenstheorien in Verbindung mit der praktischen Umsetzung. Zunächst waren dies meine Eltern und Geschwister, später der ein oder andere Lehrer oder Mentor. Auf jeden Fall aber waren es die Momente, in denen ich mir grundsätzliche Auffassungen aneignen, sie infrage stellen, verwerfen oder auch für mich erfolgreich verteidigen konnte. Im ethischen Sinne besonders einschneidend war für mich das, was ich aus dem Tagebuch der Anne Frank mitgenommen habe: die Achtung vor der Eigenart und dem Eigenleben jedes Menschen, zugleich seine Entwicklungsfähigkeit und das Vergnügen daran, mit den Mitmenschen etwas zu „machen“. 
  • Ein ethisches Dilemma, in dem Sie sich befanden oder befinden? Was hat Ihnen geholfen, was hilft Ihnen, Spannungen zwischen Ihren Werten und der tatsächlichen Unternehmenswirklichkeit zu gestalten?
  • Heikel wird es aus meiner Sicht dann, wenn die Durchführung einer Mitarbeiterauslese ansteht. Gemeint ist hier weniger eine „befördernde“ Selektion – zum Beispiel für einen besseren Status oder eine Prämie. Vielmehr beschäftigt mich abhängig von der Belegungsentwicklung im Berufsförderungswerk Nürnberg eher der Abbau von befristet beschäftigtem Personal oder die Umstrukturierung von Aufgaben, die wiederum bei dem einen oder der anderen Mitarbeiter/in zunächst als persönliche Entwertung ankommt. Was mir dabei hilft, sind zwei Punkte: ein Konzept das erstens nicht nur auf Personalabbau setzt, sondern gleichermaßen Optionen für neue Dienstleistungsangebote verfolgt und zweitens für die vom Abbau direkt betroffenen Mitarbeiter/innen frühzeitige, klare, und verlässliche Informationen. 
  • Was schätzen Sie an „Zeit für Ethik“? Warum sind Sie dabei?
  • Ich schätze vor allem die Unternehmerkollegen, die sich tatsächlich die Zeit nehmen für etwas, was in den eigenen Reihen mitunter belächelt wird. Der gedankliche Austausch hält geistig-moralisch munter und weitet den Blick für bessere Lösungsstrategien, ganz ohne Balanced Scorecard oder dergleichen. Zum Schluss noch mein Frauentipp: Zeit für Ethik hat mir schon spannende Stunden beschert, die ein tatsächlich gewinnbringender Kontrast zum Netzwerkallerlei sein können, wenn „man“ sich darauf erst einmal darauf einlässt ….
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