Du sollst nicht begehren. Das zehnte Gebot und die Unternehmensethik…

Die zehn Gebote lassen sich als eine Verfassung der Freiheit verstehen. Der Überlieferung nach hat Gott sie seinem Volk Israel gegeben, nachdem er es aus der Sklaverei befreit hat: „Ihr seid Sklaven gewesen. Ihr wisst, was es heißt, geknechtet und eingeengt zu sein. So soll es bei euch nie mehr zugehen“. Das ist der Rahmen, der Sinnzusammenhang des Dekalogs. Ich halte es deswegen für eine treffende Übertragung, wenn den Geboten der erhobene Zeigefinge genommen wird und sie als Einsichten aus erfahrener Freiheit gelesen werden: „Du wirst den Feiertag halten als einen Tag der Muße und Freiheit. Du wirst nicht töten. Du wirst nicht stehlen, nicht ehebrechen. Und du wirst nicht nach dem begehren, was deinem Nachbarn gehört. Du bist frei. Du brauchst nicht nach dem zu schielen, was andere besitzen oder erreicht haben“.

 

„Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot. – Mein Haus! Mein Auto…!“ Die gut im kollektiven Gedächtnis verankerte Sparkassenwerbung von Jung von Matt mag ein Indiz dafür sein, wie weit sich unsere Gesellschaft von der Einsicht des zehnten Gebots entfernt hat. Es wäre allerdings zu kurz gesprungen, wenn man die Schuld für offen ausgelebten Begierden personalisiert und auf das falsche Vorbild gieriger Banker und Manager verweist. Die gegenwärtige Begehrlichkeit ist kein individuelles, sondern ein systemisches Thema und hat wesentlich mit dem Paradigmenwechsel hin zur modernen Marktwirtschaft zu tun: Die Gier wurde von der Todsünde zur Triebfeder der Marktwirtschaft. Das konsequent verfolgte Eigeninteresse wurde zum Imperativ für den marktkonformen Wirtschaftsteilnehmer. Wo jeder nach seinem maximalen Vorteil strebt, entsteht Gemeinwohl für alle, so lautet das Mantra des Kapitalismus. Du sollst begehren! Wehe dem, der mit einem alten Nokia telefoniert und nicht das neueste iPhone hat: Wachstumsfeind! Wo soll denn das Wirtschaftswachstum herkommen wenn nicht vom immer neuen Konsum? Wehe dem Unternehmen, das zu sagen traut: Es ist genug, und nicht nach Expansion und Wachstum strebt: Es verspielt seine im Wortsinn seine Kreditwürdigkeit, seine Zukunft. Wie bitte soll denn da die Wirtschaft noch wachsen, wenn Menschen genügsam zu werden drohen? Wie bitte sollen da denn jemals die Schulden zurückgezahlt werden können, wenn Unternehmen sich am notwendigen Ertrag und nicht mehr am maximalen Gewinn ausrichten? Bitte, bitte konsumiert, verbraucht – und seid gierig!

 

Stehen sich also zwei Welten gegenüber, die utopische Idylle des Alten Testaments und die entfesselte Gier im Kapitalismus? Das wäre nun doch zu platt. Es lohnt sich hier einen Unterschied zur Kenntnis zu nehmen, der ebenfalls biblischen Ursprungs ist. Neben dem Begehren nach dem, was anderen gehört, erzählen die biblischen Überlieferungen vom Streben von Menschen nach vorne, vom Auszug und Aufbruch auf Hoffnung hin, von einem unbeugsamen Drang nach besseren Lebensverhältnissen. Abraham und seine Sippschaft, die sich auf Gottes Verheißung hin aufmachen ins Ungewisse hinein. Mose, der den Gewaltmarsch durch die Wüste auf sich nimmt, um seine Leute ins gelobte Land zu bringen. Jesus, dessen Rede vom Reich Gottes nicht nur ein blumiges Jenseits meint, sondern Sinnesänderung, Entwicklung und Heil für Menschen hier und jetzt – hätte er sonst Menschen aufgerichtet, ermutigt, mit ihnen gefeiert? Hier streben Menschen, von Gott bewegt und ermutigt, nach vorne, nach Freiheit, nach Verbesserung ihrer Lebensumstände, nach einem aufrechten Gang. Neben einer Ethik der Gebote und Regeln gibt es in der Bibel von Anfang an eine Ethik des Strebens hin zu einem gelingenden Leben.

 

Beim Begehren orientiert sich jemand an Anderen: Was die haben, das will ich auch. Beim Streben orientiert sich jemand an dem, was er oder sie selbst als wichtig ansieht, orientiert sich an der eigenen „gesehenen Wahrheit“: Außen- versus Innenorientierung. Beim Begehren neigt jemand dazu, andere als Konkurrenten zu sehen, sie als Messlatte zu nehmen – und sich von ihnen abzuheben. Beim Streben schaue ich auf die eigene Entwicklung und meinen besonderen Beitrag. Und sehe Andere eher als Unterstützer und Kooperationspartner mit jeweils ihren Beiträgen. Beim Begehren geht es eher um Quantität, Zähl- und Skalierbares. Beim Streben eher um Qualität, um einen eigenen Wertschöpfungsbeitrag, um mehrdimensionale Ziele. Vielleicht sind ja die Übergänge fließend: Es braucht auch die Außenorientierung, um den eigenen guten Weg zu erkennen, es braucht die Zahlen als Indikatoren für den eigenen Weg. Nur: Wer in der Außenorientierung bleibt, verfehlt sich selbst. Sie oder er bleibt fremdgesteuert. Sie oder er wird zum Abbild der signifikanten Bezugsgrößen, zur Kopie – die Gefahr des Benchmarkings. Hier wird klarer, inwiefern das zehnte Gebot ein Beitrag zu einer Verfassung der Freiheit ist: Du sollst nicht begehren – mache Dich nicht abhängig von den Maßstäben des Kontexts, werde nicht zur x-ten Kopie vermeintlicher Erfolgsmodelle, sondern gehe im guten Austausch mit Anderen Deinen ganz eigenen und stimmigen Weg.

 

Unternehmen, die sich am Begehren orientieren, sind oft zahlen- und wettbewerbsfixiert. Bei einer Strategieklausur eines Autozulieferes ging es um die Frage nach dem Unternehmensziel: „Wir sollen der Konzernmutter gute Zahlen liefern, das ist doch bei Licht besehen unser einziges Ziel“, sagte einer. Der Widerspruch kam aus der Runde: „Nein, das ist ein Indikator, dass wir gut unterwegs sind. Unser Ziel lautet, den Menschen, die die Autos unserer Kunden nutzen, gute und hilfreiche Instrumente anzubieten“ – es ging um Armaturen –, „die ihnen helfen, schnell steuerungsrelevante Informationen zu erhalten“. „…und die dabei noch gut aussehen“. Hier kippt das Begehren hin zum Streben: Umsatz und Gewinn sind keine sinnvollen Ziele, sondern hilfreiche Indikatoren. Die Ziele haben damit zu tun, welchen Nutzen Menschen aus den Produkten des Unternehmens ziehen können. Tragen die Produkte dazu bei, dass etwas leichter, überschaubarer, einfacher oder schöner wird? Und, in einem weiten Horizont, der wieder biblisch gefärbt sein kann: Wie trägt unser Unternehmen dazu bei, in sozialer oder ökologischer Hinsicht etwas leichter, einfacher oder gerechter zu machen? Solche Unternehmen sind mutig, die vor allen Zahlen ihren Beitrag zu sinnvollen gesellschaftlichen Zielen in den Fokus rücken und von daher ihre Strategie entwickeln. Und oft sind sie gerade dann erfolgreich.

 

„Was schätzen andere an mir? Wofür werde ich immer wieder angefragt? Was fällt mir leicht? Bei welcher Arbeit kann ich mich ganz vergessen?“ Solche Fragen helfen Menschen, ihre eigenen Begabungen zu erkennen – und herauszufinden, wohin sie passen, in welche Kontexte, welche Organisationen und welche Professionen, und wo sie viel von sich einbringen können. Ganz auf der Linie einer Ethik des Strebens: Was sind für mich passende und erstrebenswerte Ziele? Und auf der Linie dessen, wie etwa Paulus von den Charismen spricht oder Jesus von den Talenten, die nicht vergraben und versteckt werden dürfen, sondern Beiträge sind zur Entwicklung des Reiches Gottes. Wie arm dagegen Menschen wirken, die nur kopieren und überbieten können, was andere haben. Die dem hinterherrennen, was andere vorgeben. Die ewig gleichen vielbegehrten dunklen Limousinen auf dem Vorstandsparkplatz machen wenig Hoffnung im Blick auf eine innovative Unternehmensstrategie oder auf eine Personalpolitik, die Unterschiede und Eigenheiten der Mitarbeitenden schätzt. Das zehnte Gebot macht dagegen Mut zu einem eigenen, vielfarbigen Lebensweg, auf dem Brüche vorkommen dürfen – und die Freiheit, die eigenen Charismen zum Leuchten zu bringen.

 

Andreas Grabenstein, Institut persönlichkeit+ethik
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