Corporate Social Responsibility (CSR) muss freiwillig bleiben … ???

Die Referentin eines bayerischen Wirtschaftsverbandes referierte vor Führungskräften aus der Kommunikationsbranche zum Thema gesellschaftliche Verantwortung (CSR). Oberthema des Vortrages waren die Positionen der EU zu CSR: Auf EU-Ebene werden Überlegungen diskutiert, wie die Verantwortung von Unternehmen für Auswirkungen ihres Handelns auf die Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit  in unserem Wirtschaftssystem werden kann. Die EU-Kommission überlegt derzeit, wie Transparenz über die Ausübung der Verantwortung von Unternehmen geschaffen werden kann, um die Vorteile des Wettbewerbs auch hier nutzen zu können. Nur was sichtbar und messbar wird, ist politikrelevant, vergleichbar und wird öffentlich wahrgenommen.

Die Positionen der Referentin zu diesem Thema waren einzigartig. Lesen Sie selbst…

Kernaussage des Verbandes:

Verantwortung muss freiwillig bleiben!

Der Vortrag der Referentin schürte Ängste gegenüber der EU-Kommission, die angeblich die Unternehmen durch CSR gängeln und intensiv regulieren möchte.  Mit einer Selbstverständlichkeit wurde vor einer Vielzahl von Führungskräften das Thema CSR, Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung reduziert auf „freiwilliges Engagement für den lokalen Sportverein“. Die Referentin war der Meinung, dass Unternehmen ohnehin nicht in der Lage sind, ihre Zulieferketten z.B. frei von Kinderarbeit zu halten – vor allem  kleine Unternehmen nicht. Es sei bei allen möglichen Zertifizierungen letztlich ohnehin nicht nachprüfbar für die Unternehmen, ob tatsächlich die Lieferkette „sauber“ sei. Logische Folge Ihrer Argumentation war, dass Unternehmen deswegen schlussendlich auch nicht für diese Vergehen verantwortlich gemacht werden könnten und entsprechendes Engagement in diese Richtung (wie alles was mit CSR zu tun hat) freiwillig bleiben müsse.

Schöne Worte: Ja, bitte! – Pflicht zum Handeln: Nein, Danke!

Im Positionspapier des Verbandes, das die Dame mitgebracht hatte, finden sich neben der blumigen Nutzung des „ehrbaren Kaufmanns“ und „werteorientierten Handelns“ auch schon fast alle Argumente gegen die Position des Verbandes selbst. Einer (undurchsichtigen und nach wissenschaftlichen Kriterien nicht auf Güte untersuchbaren) Befragung des Verbandes zufolge, sind weniger als die Hälfte der dort Befragten („die Bevölkerung„) der Meinung, dass Unternehmen ihre soziale, ökologische und generelle Verantwortung wahrnehmen. Eigentlich ein Zeichen, dass hier Aufklärungsarbeit und Transparenz angesagt wäre…

Stattdessen argumentiert der Verband „Unternehmen müssen sich nicht für ihren Erfolg rechtfertigen. Es ist Ihre Aufgabe, erfolgreich im Kerngeschäft zu wirtschaften und durch innovative Produkte und Dienstleistungen ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit den Unternehmensfortbestand zu sichern. Davon profitiert die Gesellschaft…“ Im dem Positionspapier beigelegten Werbeflyer für eine bayerische „CSR-Plattform“ definiert der Verband CSR als „verantwortliches unternehmerisches Handeln im Kerngeschäft und darüber hinaus“. Auf dem selben Werbeflyer und vielfach im Positionspapier wird die Forderung wiederholt „CSR muss freiwillig bleiben“, „Der wirtschaftliche Erfolg ist die Basis … aus dem Gewinn folgt aber keine Verpflichtung CSR zu betreiben.„, „Es darf nicht die Erwartungshaltung an Unternehmen herangetragen werden, dass diese neben ihrem Kerngeschäft auch noch ein Nebengeschäft Verantwortung betreiben müssen.“, darf „nicht dazu führen, Unternehmen in einen Wettbewerb zur ´besten CSR´ zu führen.“ usw.

Eintragen sollen sich Unternehmen auf der kostenlosen Werbeplattform, um „Vertrauen in der Öffentlichkeit“ zu gewinnen und „von einem positiven Arbeitgeberimage“ zu profitieren. Ist das alles… ?! Wirklich nur Marketing ?? Schaut man sich die Plattform an, wird schnell deutlich, dass die oben erläuterten Aussagen des Verbandes zu den meisten dort schon eingetragenen Unternehmen in keinster Weise passen – zumindest nicht zu den mir persönlich bekannten dort eingetragenen Unternehmerinnen/Unternehmern.

Deutsche Wirtschaft ist anders!

Derartige Wirtschaftsverbände disqualifizieren sich, Stellung beziehen zu dürfen zu Themen, die jenseits von wirtschaftlichen Ertragsgedanken liegen. Es ist nicht mehr Ernst zu nehmen, wenn derartige Verbände entsprechende Äußerungen tätigen – im vorliegenden Beispiel ist klar geworden, dass nach der Auffassung dieses Verbandes, Verantwortung jenseits der Gewinnerzielung freiwillig übernommen wird – nicht aber als Selbstverständlichkeit zu wirtschaftlichem Handeln gehört. Die Basis unserer Sozialen Marktwirtschaft sieht aber völlig anders aus! Selbst Adam Smith – als Vater der Marktwirtschaft – hat dies schon anders gesehen – geschweige denn die Väter der Sozialen Marktwirtschaft. Ein Ordnungsrahmen, der nach gesellschaftlichen Interessen – nicht nach rein wirtschaftlichen Interessen – laufend im demokratischen Prozess angepasst wird, ist und bleibt die Grundlage für nachhaltiges Wirtschaften im Interesse aller Menschen einer Gesellschaft. Unser Grundgesetz und auch die bayerische Verfassung widerlegen klar die geforderte Position der Freiwilligkeit zum Thema Verantwortung von Unternehmen: Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle. (Artikel 151, Verfassung des Freistaates Bayern) Im weiteren Sinne ist in dieser Verfassung auch die Kinderarbeit thematisiert, über die seitens der Verbandsvertreterin so flapsige Aussagen getroffen wurden: Die menschliche Arbeitskraft ist als wertvollstes wirtschaftliches Gut eines Volkes gegen Ausbeutung, Betriebsgefahren und sonstige gesundheitliche Schädigungen geschützt. (Artikel 167)

Allein aus strategischen Gründen hätte sich diese Verband zur CSR-Frage besser positionieren können. Die meisten Unternehmen, die dieser Verband zu vertreten meint, agieren völlig anders. Sie sind engagiert auf überstaatlicher Ebene, zeigen Transparenz, tragen die Ihnen zukommende Verantwortung gerne und umfassend und helfen aktiv dabei , unsere Welt durch ihr wirtschaftliches Handeln nicht nur über Gewinn für Anteilseigner oder Eigentümer zu verbessern. Dem gebührt Respekt.

Trotz dieser Begegnung besteht große Hoffnung -andere Verbände gehen nämliche den gegenteiligen Weg. Sie ermutigen zur Ehrbarkeit, richten CSR-Referenten zur Unterstützung für ihre Mitgliedsbetriebe ein und wirken umfassend bei der Gestaltung unternehmerischer Verantwortung mit … Unternehmerische Verantwortung wird nie ein „Nebengeschäft“ werden, sondern bleibt der Kern allen wirtschaftlichen Handelns!

Harald Bolsinger

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